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schiff ohne überfahrt

Kurz vor Göteborg lässt der Regen nach. Nur noch leicht feucht erreiche ich den Hafen. Ohne anzuhalten trete ich weiter in die Pedalen. Erst am Fährterminal halte ich an. Mein Ziel ist es, heute Abend das nächste Schiff nach Kiel zu nehmen und mich dort morgen früh in den erstbesten Zug zurück nach Aachen zu setzen.

Freundlich aber bestimmt teilt mir eine gleichermaßen sympathische wie attraktive Erscheinung am Schalter jedoch mit, dass zwar noch Plätze auf der Fähre frei seien, ich für die Nachtüberfahrt jedoch zusätzlich zum Ticket eine Kabine buchen müsse, die aber schon alle vergeben seien. Muss ich das verstehen?

Auch meine Versicherung, nun wirklich keine Kabine zu benötigen, ich hätte schließlich die vergangenen drei Wochen draussen und im Zelt verbracht, kann die Dame am Schalter nicht umstimmen. Wenige Minuten später verlässt die Fähre den Kai und die Dame den Schalter. Mein Rad und ich bleiben zurück.

Und jetzt? Mitten in Göteborg mein Zelt aufschlagen möchte ich nicht und der nächste Campingplatz ist zwölf Kilometer entfernt. Es fängt wieder an zu Regnen. Ich brauche irgendeine Unterkunft. Nein, nicht irgendeine. Schön soll sie sein – und bezahlbar natürlich. Deshalb fahre ich an dem historischen Viermaster, weiss, riesig, mit rotem Teppich und verglastem Entrée mit der geschwungenen goldenen Aufschrift „Hotel“ und „Barken Viking“ vorbei. Sieht zu teuer aus.

Schöne Schlafplätze sind mir immer wichtig gewesen. Ein toller Ausblick, eine malerische Umgebung, irgend etwas besonderes sollten meine Lagerplätze in den vergangenen Wochen idealerweise immer haben. Vielleicht gibt’s am Hafen ja ne nette kleine Pension mit Blick auf’s Wasser oder so? Nee, gibt’s nicht. Da gibt’s nur dieses Schiff. Weiss, riesig, vier Masten, roter Teppich, goldene Lettern am Eingang – die „Barken Viking“. Ich finde mich mit der Vorstellung ab, irgendwo in einem unattraktiven Vandrarhem am Rande der Stadt unterzukommen.

Nur zum Spass drehe ich mich noch einmal um, lehne mein Rad an einen Poller und schreite verschwitzt und verregnet über den roten Teppich auf der breiten Gangway zum Eingang der „Barken Viking“ hinauf. Jetzt will ich’s wissen. Was dieser Spass wohl kosten mag?

Eine knappe Stunde später sitze ich frisch geduscht auf Deck des alten Windjammers, schlürfe ein kühles Bier und schlemme an dem üppigen Meeresfrüchte-Buffet. Über mir ragen die Masten, Wanten und Rahen des Großseglers im Ruhestand in den tiefblauen abendlichen Himmel. Und unter mir wartet eine weiche Koje in einer kleinen Kajüte mit Bullauge auf mich und meinen müden Körper.